Brushedthewrongway
Der Nachfolgende Text wird original zitiert. Ich möchte somit dazu beitragen, dass er noch mehr Publikum und Gehör bekommt.
Original: http://brushedthewrongway.wordpress.com/2011/07/27/pruede_freizuegigkeit/#wpl-likebox
Prüde Freizügigkeit
Geschrieben von brushedthewrongway
Als großes Übel der heutigen Zeit wird, neben dem schwammigen Begriff des „Werteverfalls“, gerne der etwas konkretere der „sexuellen Freizügigkeit“ genannt.
Die Omnipräsenz nackter Oberkörper, praller Brüste, gespreizter Beine und allgemein die des Themas Sex in Film, Fernsehen und Presse wird als gefährliche Sexualisierung betrachtet.Zotige Witze á la Mario Barth sind tatsächlich der Renner, genau wie Fernsehserien im Stil von Sex and the City und Artikel über die Sexskandale der Promis, ob nun in Form von Liebschaften oder kurzzeitig sichtbarer Geschlechtsteile (selbst der Vergewaltigungsvorwurf gegen Dominique Strauss-Kahn verkommt zur in Großbuchstabenen beschrienen SEX-AFFÄRE, als wäre das Nennenswerte daran der Sex und nicht die Gewalttat).
Letzteres kann schneller Ruf und Karriere kosten, als Betrug und Korruption.Richtig ist, dass diese Entwicklungen äußerst beklagenswert sind. Falsch ist, dass sie mit sexueller Freizügigkeit zu tun haben.
Wenn ein prolliger Comedian in die Welt hinauskräht, dass sich „nichts auf Uschi“ reimt, im Fernsehen Frauen (oder „die Mädels“) über Spitznamen für Penisse diskutieren und eine aufblitzende Brustwarze die Welt in Atem hält und sogar den Irakkrieg in den Hintergrund drängt, dann steckt dahinter eine tiefsitzende Prüderie.
Die Beschäftigung mit Sexualität wird als Regelbruch inszeniert. Eine Regel bewusst brechen heißt aber auch, sie zu akzeptieren, was wiederum bedeutet, dass alte Moralvorstellungen durch das oben Genannte nicht zerschlagen, sondern im Gegenteil bestätigt werden.
Die Lacher in Mario Barths Publikum klingen wie von einem Kind, das sich des eigenen Mutes gleichzeitig erfreut und schämt, wenn es ein verbotenes Schimpfwort sagt.Das Phänomen der „prüden Freizügigkeit“ zeigt sich bspw. auch in Katy Perrys Song „I Kissed A Girl„. Er ist keineswegs ein Plädoyer für frei ausgelebte Sexualität, sondern stellt die Verruchtheit durch den Tabubruch dar („It’s not what good girls do / Not how they should behave“).
Das eigentliche Problem ist also der mediale Zerrspiegel, der die Sexualität, an sich etwas Natürliches, pervertiert.
Zum Beispiel dadurch, dass Nacktheit nahezu untrennbar mit Sexualität verbunden wird. Die Bilder entblößter oder nur leicht verdeckter Körper, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, werden fast ausschließlich in einem sexuellen Kontext dargestellt.
Sich in der Öffentlichkeit nackt zu zeigen wird gleichgestellt mit Exhibitionismus und aufdringlich dargestellter Sexualität, dabei ist der nackte Körper etwas vollkommen Natürliches und nicht zwangsläufig Sexuelles – bestimmte Kleidung (bei Frauen und Männern) kann viel aggressiver Sexualität ausstrahlen.Bei der Google-Suche nach einem New Yorker Gesetz, laut dem Frauen aus Gründen der Gleichberechtigung mit nacktem Oberkörper U-Bahn fahren dürfen, stößt man auf diverse Webseiten mit Sammlungen kurioser und alberner Gesetze – auch das lässt auf unbewusste, nicht hinterfragte Auffassungen von Sexualmoral schließen.
Ein häufig genanntes Argument gegen besagtes Gesetz ist natürlich, dass eine Frau mit nackten Brüsten Objekt von ihr unerwünschter Begierde werden könnte. Die gesellschaftliche Tabuisierung bestimmter Körperteile führt aber erst zu gesteigertem Interesse oder sogar einer Art Mystifizierung; in Völkern, bei denen Nacktheit als normal gilt, spielen sie eine viel weniger wichtige Rolle.Auch die Darstellung von Sex, nicht nur von Nacktheit, lässt verzerrte Bilder aufkommen.
Die dargestellten Körper werden immer mehr zu Körpern ohne Körperlichkeit: sie sind steril, künstlich gemacht durch Anabolika, Botox oder auch einfach nur Photoshop.
Zu echtem Sex gehören aber auch Körperbehaarung, Menstruationsblut, Fettpolster, Hautunreinheiten, Geräusche, Gerüche und Geschmäcker. Pornostar Jiz Lee will genau das darstellen und findet sie sich damit vermutlich in der Fetisch-Ecke wieder. Als „normal“ gilt nicht das, was vollkommen natürlich ist, sondern ein Hochglanz-Abziehbild von Sexualität.Besonders der weibliche Körper gilt immernoch als etwas Unsauberes. Weibliche Ejakulation in Pornos wird von Prüfungskommissionen strenger bewertet als männliche. Außerdem werden alle möglichen nicht nur überflüssigen, sondern vor allem gesundheitsschädlichen Produkte für Frauen verkauft, die für eine gründliche Hygiene von Bedeutung sein sollen, wie z.B. Intimwaschlotionen und parfümierte Slipeinlagen. Vaginas riechen eigentlich nicht nach Blümchen, und trotzdem wird Frauen vermittelt, sie seien unnormal, wenn dies bei ihnen nicht der Fall ist.
Auch die Haarentfernung wird bei Frauen enger gesehen. Es ist albern, eine Intimrasur zum antifeministischen Akt zu stilisieren, aber der Zwangscharakter, den diese bei Vielen bekommt, ist beängstigend.Bei Frauen herrscht häufig große Unsicherheit bezüglich ihres Körpers, hinausgehend über „mein Hintern ist zu fett“. Oft wird der eigene Körper mit Ekel betrachtet. Studien zufolge masturbieren sehr viel weniger Frauen als Männer (oft sicherlich aufgrund von Hemmungen), dabei sollten doch gerade sie, für die es schwieriger ist zum Orgasmus zu kommen, herausfinden was ihnen gefällt. Trotzdem sind viele schon beim Gedanken an Selbstbefriedigung beschämt oder finden die Vorstellung abwegig.
Auch promiskuitives Verhalten und Kleidung, die die Aufmerksamkeit auf körperliche Attribute lenkt, wird bei Frauen viel stärker kritisiert als bei Männern. Ein Mann, der seine Muskeln zur Schau stellt, wird vielleicht belächelt, die Kleidung einer Frau mit tiefen Dekolleté gilt hingegen direkt als moralisch verwerflich.Und auch die Mystifizierung spielt, wie beim Thema Nacktheit, bei der Sexualität ebenfalls eine Rolle. Jugendzeitschriften sind voll mit Geschichten und Berichten rund um das „Erste Mal“. Die heterosexuelle vaginale Penetration wird hochstilisiert und Sex auf sie reduziert, während die gesamte Bandbreite anderer sexueller Handlungen in den Hintergrund gelangt.
Zusammengefasst unter dem Begriff „Vorspiel“ sollen sie dem Geschlechtsverkehr vorausgehen und stehen dabei nicht für sich selbst.
Ein anderes Beispiel dafür, wie Sexualität verzerrt wird, ist die oft geäußerte Vorstellung, Frauen benutzten Sex, um Männer zu kontrollieren. Sie stellt zum einen Männer als völlig der Triebhaftigkeit unterlegene Wesen dar und vermittelt zum anderen, dass Frauen keinen Spaß an Sex an sich hätten, sondern ihn lediglich für Belohnung und Strafe (durch „Sex-Entzug“) einsetzen würden. Auch in Bezug auf das Thema Vergewaltigung ist das eine gefährliche Idee.Manche sexuellen Handlungen sind zudem immernoch stark tabuisiert. Während Oralsex mittlweile weitgehend akzeptiert und als „normal“ empfunden wird, gelten z.B. anale sexuelle Handlungen oft noch als etwas Abstoßendes und Verwerfliches.
Ein tatsächlich freizügiger Umgang mit Sexualität wäre wünschenswert. Das Problem liegt nicht in der Präsenz von Sexualität, sondern in der verzerrten Darstellung, die sie auf ihre eigentlich natürliche Art als etwas Beschämendes erscheinen lässt und stattdessen in etwas möglichst Künstliches, Stilisiertes verwandelt. Es geht nicht um den Verfall irgendeiner Moral oder den Verlust von „Werten“, sondern darum, dass das menschliche Verhältnis zur Sexualität zunehmend neurotisch und gehemmt wird.
Der Tabubruch ist kein adäquates Mittel, um diese Entwicklungen zu bekämpfen, denn er festigt die Vorstellung von Sexualität als etwas Schamhaftes, Schmutziges nur. Die Regeln müssen neu gemacht werden, es bringt nichts, sie lediglich zu brechen.

hervorragender Text !